Die gegengeschlechtliche Hormonbehandlung ist in der Regel der erste Schritt der medizinischen Geschlechtsangleichung. Die jeweils verabreichten Geschlechtshormone verändern den Körper in Richtung männlichem oder weiblichem Erscheinungsbild. Bevor ein Arzt einem transsexuellen bzw. transidenten Patienten gegengeschlechtliche Hormone verabreichen darf, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein.

Prinzipiell kann ein Arzt die Hormonbehandlung ohne Voraussetzungen vornehmen (was in der Praxis aber nahezu nicht vorkommt). Die meisten Ärzte lassen die Diagnose Transsexualität bzw. Transidentität durch ein Gutachten oder ein Indikationsschreiben (schriftliche Stellungnahme) eines Psychotherapeuten oder Psychiaters absichern, bevor sie eine gegengeschlechtliche Hormonbehandlung durchführen. Sind die Voraussetzungen erfüllt, übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für die Behandlung. Die Therapeuten können sich an den folgenden Richtlinien orientieren.

Gemäß den Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, der Akademie für Sexualmedizin und der Gesellschaft für Sexualwissenschaft müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein, um die Indikation zur gegengeschlechtlichen Hormonbehandlung bei Transsexualität bzw. Transidentität zu stellen:

  • Der Therapeut kennt den Patienten seit mindestens einem Jahr.
  • Der Therapeut hat die Kriterien zur Diagnose von Transsexualität / Transidentität bei dem Patienten überprüft.
    Der Therapeut ist überzeugt, dass bei dem Patienten folgende Kriterien erfüllt sind:

    • Die innere Stimmigkeit und Konstanz des Identitätsgeschlechts und seiner individuellen Ausgestaltung ist gegeben.
    • Die Lebbarkeit in der gewünschten Geschlechtsrolle ist gegeben.
    • Die realistische Einschätzung der Möglichkeiten und Grenzen von geschlechtsangleichenden medizinischen Maßnahmen ist gegeben.
  • Der Patient hat das Leben im Identitätsgeschlecht mindestens ein Jahr lang im Rahmen des sog. Alltagstests erprobt: Beim Alltagstest, auch Alltagserprobung genannt, soll der Betroffene kontinuierlich und in allen Bereichen seines Lebens in dem gewünschten Geschlecht leben, um die „neue“ Geschlechterrolle zu erproben. So soll eine Transfrau beispielweise fortan mit weiblichem Namen und in „typisch weiblichem“ Erscheinungsbild und Verhalten in ihrem Privatleben und Beruf auftreten. Der Alltagstest soll aber nicht als „durchzustehender Härtetest“ verstanden werden, sondern sozial verträglich angelegt sein.

Gemäß der Begutachtungsanleitung Geschlechtsangleichende Maßnahmen bei Transsexualität, Richtlinie des GKV-Spitzenverbandes sind vor der Hormonbehandlung folgende Voraussetzungen wesentlich:

  1. Ein Psychiater bzw. Psychotherapeut hat die Diagnose einer manifesten Geschlechtsidentitätsstörung ausreichend anhand der diagnostischen Kriterien überprüft und gesichert.
  2. Andere, vor allem psychische Begleiterkrankungen (Komorbiditäten) wurden ausreichend stabilisiert oder ausgeschlossen.
  3. Es erfolgte eine ausreichend lange und intensive Behandlung durch einen Psychiater bzw. Psychotherapeuten (in der Regel mindestens zwölf Monate). Der Therapeut ist überzeugt, dass die Ziele der Behandlung erreicht wurden.
  4. Das Leben in der gewünschten Geschlechtsrolle wurde erprobt – was einem Alltagstest von in der Regel mindestens zwölf Monaten entspricht.
  5. Der Patient hat einen krankheitswertigen Leidensdruck.
  6. Die Voraussetzungen und die Prognose für die gegengeschlechtliche Hormonbehandlung sind gut. Nutzen und Risiken wurden ausreichend abgewogen. Der Patient wurde über Nebenwirkungen und Risiken der Hormonbehandlung ausreichend aufgeklärt.


Die behandelnden Ärzte fordern in der Regel zudem Befunde von Fachärzten vor dem Beginn der Hormonbehandlung bei Transsexualität bzw. Transidentität und/oder führen selbst körperliche Untersuchungen durch, zum Beispiel:

  • Eine gynäkologische oder urologische Untersuchung mit Beurteilung der inneren und äußeren Geschlechtsorgane
  • Eine Hormonanalyse zur Beurteilung der aktuellen Hormonwerte wie Testosteron und Östrogen
  • Eine Chromosomen-Analyse zur Beurteilung des Genotyps (46 XY-männlich, 46 XX-weiblich oder andere)
    Weitere Blutuntersuchungen, z.B. großes Blutbild, Leberwerte, Nierenwerte, Schilddrüsenwerte, Blutzuckerwerte, Blutfette etc.
  • Weitere Untersuchungen wie Blutdruckmessung, EKG

Liegen körperliche Erkrankungen vor (z.B. eine Leberschädigung oder ein Bluthochdruck), müssen diese in der Regel vor dem Beginn der gegengeschlechtlichen Hormontherapie behandelt und im Verlauf der Hormonbehandlung engmaschig kontrolliert werden. In seltenen Fällen führen körperliche Erkrankungen auch zum Ausschluss einer Hormonbehandlung.

 

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